Stimmungen und Zufälle

Der Landbote vom 11.03.2015
Helmut Dworschak

Das neue Album von Domi Schreiber alias Mykungfu ist ein "Halbum" und eine Herausforderung für Bastler. Zauberhafter Pop zum Träumen, mit dem der Winterthurer in Deutschland landen möchte.

"People always hesitate", singt Domi Schreiber in einem seiner schönsten und eingängigsten Songs: Wir zögern und schieben Dinge hinaus, vielleicht gerade, wenn sie uns wichtig sind, vielleicht sogar, bis es zu spät ist. Nicht aufschieben lässt sich dieser Song. Hat man ihn einmal gehört, wird man den Ohrwurm nicht mehr los wohl gerade dann, wenn man dazu neigt, Dinge hinauszuschieben. Und wer neigt schon nicht dazu?

Auf dem Ende Februar erschienenen "Hiergeist Pt. 1", einem "Halbum" mit sechs neuen und sechs alten Songs, ist "Hesitate", die erste Mykungfu-Radiosingle von 2010, wieder drauf, zusammen mit fünf weiteren, die ebenfalls schon auf dem Debütalbum "Romantic Archeology" enthalten waren, nun aber neu eingespielt wurden, um damit im Mai in Deutschland zu landen, vorerst ohne Liveauftritte.

Schreiber ist einer, der sich Zeit lässt. Seinen intelligenten Texten und kunstvollen Arrangements tut das offensichtlich gut. Das erkannte auch die Zeitschrift "Rolling Stone", die das zwei Jahre später erschienene Album "Repeat Spacer" als "betörenden Kammerpop" beschrieb: "Ambient-Texturen, weit geöffnete Bläser- und Keyboardflächen und traumhaft fiepende Synthies allein die Produktionsästhetik ist ein Gewinn."

Gratiskonzerte für die Fans

Wer einmal einen Auftritt erlebt hat, weiss, dass Schreiber das Wort "Routine" gar nicht kennt. Seine Songs sind ihm selbst ans Herz gewachsen. Seit zweieinhalb Jahren schon spielt er sie in wechselnder Besetzung einmal im Monat im Albani ein Konzert für die Fangemeinde, der Eintritt ist frei. "Diese Auftritte eignen sich sehr gut, um Neues auszuprobieren", verrät der Musiker im Gespräch. Und sie haben aus dem Mann mit der hellen, klangvollen, bei Bedarf ein wenig angerauten Folk-Stimme einen ausgezeichneten Sänger gemacht, wie bereits im Opener "Out of Tune" zu hören ist.

Beim dunkel getönten, bittersüssen "Have It Your Way" könnte man sich an die üppigen Chansons von Neil Hannon erinnert fühlen, bei anderen an die Songs der Britpopband Pulp. Von Schatten, die stärker sind als das Licht, handeln die sechs neuen Songs, von den vielen Möglichkeiten und von Wegen, die nicht ans Ziel führen, von leeren Herzen und bitteren Verstimmungen: Es ist das Vokabular des Seelenschmerzes, das hier aber mit so viel Gespür für schöne Klänge vertont ist, dass man sich abgeholt fühlt und umsorgt wie von einem warmen Bad. In jedem Takt ist die Sorgfalt der Herstellung zu spüren.

Challenge für Bastler

"Bastelpop" wurde Schreibers Musik schon genannt und als Vergleichsgrösse Radiohead herangezogen. Basteln darf nun auch, wer ein Album ersteht: Die hellblaue Kartonhülle ist leer, sie enthält einen Bogen mit Aufklebern der Songnamen und weiteren Pics, Labels und Nümmerli. Damit kann sich jeder für einen Moment als Künstler fühlen und sein Album individuell gestalten. Wer sich jetzt unter Druck fühlt und sich spontan nichts Kreatives zutraut, kann den Herstellungsprozess natürlich auf morgen verschieben und gleich mit dem Hören beginnen.

Nach musikalischen Kriterien sind auch die Texte komponiert. Wie sehr, das erkennt man paradoxerweise an "Piiteraq" und einem umwerfend gespielten, teils recht jazzigen "Loops In a Jar", jenen Stücken, deren raffinierte Klangtexturen gut ohne Lyrics auskommen: Ein Mykungfu-Text würde sie nicht in ihrem Wesen verändern, er wäre zunächst nur eine weitere Klangdimension. Genauso verhält es sich mit dem rätselhaften Albumtitel "Hiergeist": "Der Name hat mir einfach gefallen, er löst bei mir ein gutes Gefühl aus", sagt Schreiber. So intuitiv läuft auch das Komponieren. "Am Anfang steht immer eine Stimmung ein Akkord auf der Gitarre oder dem Keyboard, es kann aber auch der Klang eines Schlüsselanhängers sein", verrät Schreiber. Die Texte entstehen ebenfalls spontan: Der Ausgangspunkt kann eine Phrase aus einer TV-Serie sein oder ein Satz vom Tisch nebenan.

Alltagsphilosophie

Obwohl sie ihre Entstehung oft dem Zufall verdanken, stellen die Lyrics am Ende mehr dar als reine Klanggebilde, und manche streifen gar die philosophische Lebenshilfe, neben "Hesitate" etwa "Choices", ein Song über die Vielzahl der Möglichkeiten, die sich einem täglich bieten.

Wann ist ein Song gelungen? Diese Frage sei einfach zu beantworten, meint Schreiber: "Wenn man ihn solo, nur von der akustischen Gitarre begleitet, spielen kann, dann ist er gut." Eine gute Hand hat er bei der Wahl seiner Mitmusiker, bei den Stimmen von Ronja Rinderknecht, Lesley Meguid und Jael Malli vor allem die beiden Letztgenannten sind langjährige Weggefährten , Seraphim von Werra am Schlagzeug, Giuliano Sulzberger an der E-Gitarre, Co-Produzent Lukas Speissegger am Bass.







Der 1973 in Bern geborene, heute in Winterthur lebende Musiker hat in Zürich Musik studiert und nach einem Engagement bei der Aargauer Popband HNO und als Gitarrist in der Band des Soulmusikers William White 2008 eine Solokarriere gestartet. Seit 2010 ist er Bandmitglied bei Lesley Meguid, seit 2013 tourt er auch mit der früheren Lunik-Sängerin Jael Malli. Ein, zwei Jahre dürfte es dauern, bis die zweite Hälfte von "Hiergeist" vorliegt, schätzt Schreiber.

Mykungfu: Nächstes Konzert mit dem Quintett am Donnerstag, 26. 3., 21 Uhr, im Albani. Eintritt frei, Kollekte. CD: Hiergeist (mykungfu.ch).